Relativiertes Unrecht

Was ist ein Unrechtsstaat? Ein Land, in dem Unrecht staatlich organisiert wird, möchte man meinen. Geht es um die DDR, kommt aber einigen Ostalgikern und Politikern – gerade von der Linkspartei – das Wort Unrechtsstaat nur schwer über die Lippen. Sie betreiben begriffliche Haarspalterei, nennen den Begriff juristisch schwammig und versuchen zu relativieren. Dazu gehören ganz unterschiedliche Personen, etwa die ehemalige Präsidentschaftskandidatin der Linken, Luc Jochimsen, und der letzte Ministerpräsident der DDR, Lothar de Maizière (heute CDU). Auch der SPD-Ministerpräsident von Mecklenburg-Vorpommern, Erwin Sellering, wollte im vergangenen Landtagswahlkampf keine Wähler verprellen, die den Arbeiter-und-Bauern-Staat im Rückblick nicht allzu kritisch sehen.

Die Biographie von Katrin Behr sollte diese Politiker nachdenklich stimmen. In der Süddeutsche Zeitung wurde vor ein paar Tagen ein lesenswerter Artikel über ihre Arbeit und die Geschichte von Zwangsadoptionen in der DDR veröffentlicht. Behr, selbst Opfer einer Zwangsadoption, leitet heute eine Beratungsstelle für Betroffene. Wer in der DDR nach Meinung der Obrigkeit nicht dazu in der Lage war, sein Kind zu einer „sozialistischen Persönlichkeit zu erziehen“, dem konnte es gegen seinen Willen weggenommen und zur Adoption freigegeben werden. Zwangsadoptionen gab es auch aus politischen Gründen, etwa gegen Regimekritiker. Der Staat wollte sein Erziehungsideal durchsetzen und so wurden viele Familien aus ideologischen Gründen auseinandergerissen.

In der öffentlichen Debatte über die DDR, die sich häufig um Mauertote und bessere Kinderbetreuung dreht, wird diesem Kapitel ostdeutscher Geschichte wenig Platz eingeräumt. Schade, denn gerade die Zwangsadoptionen zeigen den wahren, totalitären Charakter des DDR-Systems.

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