Mediziner im Wartezimmer

Die deutschen Hochschulen werden von Studenten überflutet. Und dieses Jahr fällt auch noch der Zivildienst weg. Außerdem drängt der doppelte Abiturjahrgang an die Unis. Bei einem Studiengang sind die Bedingungen besonders ungünstig: Medizin.

Laut Statistischen Bundesamt waren im vergangenen Wintersemester 2,22 Millionen Studenten an deutschen Hochschulen eingeschrieben. So viele wie noch nie – 4,5 Prozent mehr als im Vorjahr. In diesem Jahr gibt es im Wintersemester 44 000 Bewerber allein für das Medizinstudium. Ihnen stehen bundesweit aber nur 8750 freie Plätze zur Verfügung (Süddeutsche Zeitung, 13.9.2011, S. 1). Und so bleibt für viele Interessenten der Studienstart auch in diesem Jahr wieder unerreichbar. Denn durch das Nadelöhr schaffen es nur die Besten. Aber wer sind die Besten?

Nach gängiger Praxis wird hauptsächlich nach der Abiturnote, dem Numerus clausus, die Spreu vom Weizen getrennt. Sagt die Schulnote aus, ob man ein guter Arzt wird? Nicht unbedingt. Sie zeigt zunächst einmal, ob man in der Lage war, in der Schule gute Leistungen abzuliefern. Über die Fähigkeit zur Empathie als Arzt gegenüber Patienten sagt der NC nichts aus. Zwar hat man mit einer guten Schulnote bessere Chancen auf das begehrte Medizinstudium. Aber sie drückt nicht aus, ob dem angehenden Medizinstudenten die Arbeit mit Patienten überhaupt liegt. Bewerber mit mittelmäßigen Abitur haben da das Nachsehen. Auch wenn sie nach Jahren von Absagen schon eine Ausbildung im medizinischen Bereich gemacht haben und sich ihr Berufswunsch gefestigt hat. Wirklich leistungsgerecht ist die Vergabe nach Schulnoten auch nicht, solange es kein bundesweites Zentralabitur gibt und die Abiturnoten von Bremen und Bayern nicht wirklich vergleichbar sind. So stellt sich der Frust bei denen ein, die oftmals jahrelang warten müssen.

Für die Unis hat das Vergabeverfahren nach NC natürlich einen entscheidenden Vorteil: Es ist weniger umständlich als aufwendige Bewerbungsgespräche bei der Flut von Anträgen. Inzwischen dürfen die Unis 60 Prozent der Studienplätze selbst vergeben, der Rest wird weiterhin zentral nach Schulnote und Wartezeit verteilt. Trotzdem bleibt für die Hochschulen der NC auch weiterhin das überragende Kriterium bei der Studienplatzvergabe. Alternative Kriterien wie eine Berufsausbildung erhalten dennoch oftmals keine angemessene Berücksichtigung.

In den letzten Jahrzehnten ist der Anteil der Schulabgänger eines Jahrgangs, der ein Studium beginnt, stark gestiegen. Diese gesellschaftliche Entwicklung wurde von der Politik gefordert – etwa die Studienanfängerquote von mindestens 40 Prozent. Leider sind die öffentlichen Ausgaben für Hochschulen nicht dementsprechend erhöht worden. Das führt zu überfüllten Lehrveranstaltungen, aber auch zu Ungerechtigkeiten bei der Studienplatzvergabe.

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